Im Fluss – und was das Schreiben damit zu tun hat.

Es ist so schön, das wieder zu erleben: ich bin im Fluss (oder im Flow, wie es so schön heißt).

Die Beschäftigung mit den Themen der Bildungswissenschaft fällt mir nicht nur leicht, nein, ich habe auch das Gefühl, endlich mal wieder angekommen zu sein und immer mehr wissen zu wollen. Kritische Fragen zum Text zu stellen, ist momentan nicht nur leicht, sondern auch inspirierend und in gewisser Weise euphrodisierend.

Wie es kommt? Ich habe die ganzen angelesenen Vorurteile zum aktiven und passiven Lernen beiseite geschoben und mich auf die Vorgehensweisen besonnen, die mir schon während der Schulzeit und der Ausbildung mehr als gute Dienste geleistet hatten.

Schon mehrfach hatte ich hier berichtet, wie wichtig für mich das Schreiben beim Lernen ist und wie  aufwändig es doch ist. Heute kann ich sagen, dass die nicht-schriftlichen Lernversuche mir nicht nur nicht geholfen, sondern auch geschadet haben. Natürlich dauert das Lernen durch Schreiben eine gewisse Zeit, aber es ist für mich einfach nachhaltiger: Dinge, die ich aufgeschrieben oder aufgezeichnet (im Sinne von Malen) habe, bleiben mir einfach deutlich besser im Gedächtnis haften. Selbst dann, wenn ich mich darauf beschränke, Textpassagen wörtlich abzuschreiben. Und auch, wenn in vielen Ratgebern steht, dass Abschreiben sowas von passiv und unnütz ist: ich erlebe das für mich anders.

Fazit: nicht immer nur auf das hören, was Andere sagen, sondern auch in sich hineinhorchen, was einem selbst liegt.

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Wie ich eine Hausarbeit schreibe

Im letzten Eintrag hatte ich Euch ja schon vorgewarnt, der Teil über das Schreiben einer Hausarbeit wird was länger.

Und hier *Trommelwirbel* ist er, der Teil über das Schreiben.

Kurze Vorbemerkung: diese Erfahrungen habe ich allesamt im Fach Germanistik gemacht, ob meine Arbeitsweise sich auch auf andere Fächer übertragen lässt: probiert es aus.

Also dann:

Schritt 1: Themenfindung, vorläufiger Schwerpunkt und Gliederung:

Steht eine schriftliche Hausarbeit an, dann lese ich mich erst einmal durch ein paar Texte, bevor ich einen (vorläufigen) Schwerpunkt und eine (vorläufige) Gliederung erstelle. Handschriftlich, versteht sich.

Beispiel:

Thema ist ganz grob gefasst „Erzählungen von Gottfried Keller“: Ich schnappe mir ein paar Erzählungen, lese sie und entscheide mich für „Romeo und Julia auf dem Dorfe“. Da die beiden sterben (wer hätte das gedacht) und ich mich für Tod/Sterben interessiere, wähle ich „Symbole des Todes“ als Thema.

Gliederung:

1. Pflanzen

2. Personen

2.1 Romeo

2.2 Julia

2.3 Verwandte

2.4 Der schwarze Geiger

Schritt 2: Sammeln

Dann beschrifte ich lose Blätter (A4) mit der jeweiligen (Unter-)Kapitelüberschrift. Zusätzlich gibt es weiteres Blatt für „Interessantes“ und ein Blatt für die Literaturangabe.

Beim Lesen der Fachliteratur schreibe ich dann das, was mir interessant erscheint auf das Blatt mit der passenden Überschrift. Passt es da nicht hin, ist aber trotzdem so interessant, dass ich es unbedingt behalten will, schreibe ich es auf das Blatt „Interessantes“. Jeweils versehen mit dem Kürzel der Quelle (die komplett auf dem Blatt für die Literaturangaben steht), und der Seite. Gibt es einen Seitenwechsel, markiere ich den im Text mit //, falls ich später nur einen Teil des Zitats verwenden möchte.

Hier passiert wieder meine Schreib-Magie: ich versetze mich in den Gedankengang des Verfassers hinein. Deswegen lohnt es sich für mich auch, längere Passagen abzuschreiben.

Mir ist bewusst, dass die meisten Ratgeber der Meinung sind, es handele sich beim Abschreiben um eine rein passive, gedankenarme Tätigkeit, die nicht zielführend sei. Es wird stattdessen empfohlen, den Text direkt mit eigenen Worten aufzuschreiben.

Ich schreibe die Texte trotzdem ab, einerseits wegen der „Magie“ andererseits hat es auch den Vorteil, eine spätere Zusammenfassung mit einem Zitat belegen zu können.

Schritt 3: den tatsächlichen Schwerpunkt festlegen

Da hat man sich mit viel Mühe einen Schwerpunkt rausgesucht und reichlich Forschungsarbeit darauf verwendet und dann passiert es: der Schwerpunkt der Arbeit verändert sich.

Zähneknirschend muss man sich eingestehen, dass die ursprüngliche Gliederung es nicht trifft, dass man das alles nie und nimmer auf die auf die vorgesehene Anzahl der Seiten gequetscht kriegt, dass man nicht alles machen kann.

Zeit also, den neuen Schwerpunkt zu akzeptieren und sich von der alten Gliederung zu lösen.

Es gibt also neue Blätter und ich sitze dann mit Schere und Kleber bewaffnet da, um die bisher gesammelten Zitate neu zu gruppieren (deswegen ist das Blatt „Interessantes“ auch sinnvoll, der neue Schwerpunkt bezieht meist Teile dieses Blattes ein).

Nach diesem einen „Umwerfen“ ist das Blatt „Interessantes“ Geschichte, es wird nur noch aufgenommen, was zu den Überschriften passt. Einmal Umwerfen sollte reichen.

Beispiel:

Bei der Sammlung zu den Todessymbolen wird meine Zitatensammlung beim schwarzen Geiger immer dicker, in einem Text wurde behauptet, diese Figur sei Dionysus, delphischer Apoll und nochirgendwas. Beleglos. Das hatte ich so akzeptiert, suchte allerdings noch nach Belegen, fing also an, mich mit Mythologie auseinanderzusetzen. Was ich jedoch fand, belegte die Aussage nur teilweise, in großen Teilen konnte ich widersprechen (mit Belegen) oder verfeinern. Dieser eine Satz wurde damit zu einer Art Kernstück meiner neuen Struktur.

Schwerpunkt: Omen des Bösen. Der schwarze Geiger bei Romeo und Julia auf dem Dorfe.

Gliederung:

1. Apollon

2. Dionysus

3. WasAuchImmer

Schritt 4: Zum Ende kommen

Auch das gehört zum Schreiben einer Arbeit: irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem der Forscherdrang ruhen und die Arbeit geschrieben werden muss. Bei mir nimmt das Schreiben selbst das letzte Viertel der insgesamt zur Verfügung stehenden Zeit ein. Habe ich also 8 Wochen Zeit, sind 6 Wochen für die Recherche gedacht, die letzten 2 Wochen für Schreiben und Korrekturlesen.

Das bedeutet auch, die Lücken in der Recherche hinzunehmen und sich zu ihnen zu bekennen.

Außerdem bedeutet es, dass jetzt nichts mehr umgeworfen werden darf. Zwar kann sich die Reihenfolge der Kapitel noch ändern, der Inhalt sollte aber stehen.

Schritt 5: Schreiben

Das geschieht bei mir wie im Rausch: ich nehme (unter-)kapitelweise meine Aufzeichnungen und bringe die dort enthaltenen Gedanken in eine sinnvolle Reihenfolge (notfalls wieder mit Schere und Papier) und dann schreibe ich.

Was Lernen mit Schreiben zu tun hat

So ziemlich jeder Lernender kennt das: kaum schreibt man einen Pfuschzettel, schon fängt man an, zu verstehen, was man da schreibt. Das mag nicht immer so sein, aber ich wette, jeder hatte schon mal solche Momente.

So ist das auch bei mir, teilweise so stark, dass das Schreiben für mich, neben der Verwendung von Farben und Skizzen, eines der wichtigsten Lernwerkzeuge ist:

  • Lese ich einen schwierigen Text, dann schreibe ich Textpassagen, die ich nicht verstehe ab. Dabei passiert etwas Magisches, denn wenn ich den Satz aufgeschrieben habe, merke ich, dass ich den Gedankengang meistens verstanden habe. Es ist, als würde das Abschreiben bei mir den Verstehensprozess unterstützen. Denn: das bewusste Abschreiben gibt mir den Fokus und anscheinend die Möglichkeit, mich in die Gedanken des Verfassers „einzuklinken“.
  • Habe ich Schwierigkeiten, ein Thema zu verstehen, versuche ich, so zu tun, als müsste ich das Thema nicht für mich lernen, sondern lediglich anderen nahebringen. Dazu entwerfe ich einen „besseren“ Lehrtext. Mit Skizzen, teilweise Comics, Infokästen. Mir reicht es meistens, aufzuschreiben, was ich besser machen würde. Das hilft mir, herauszufinden, wo meine Verständnisprobleme liegen. Und das wiederum hilft mir, entsprechend andere Quellen aufzutun.
  • Auch beim Verfassen von Hausarbeiten schreibe ich lange von Hand, dazu dann aber in einem anderen Blogeintrag mehr.

Lernen geht bei mir durch die Hand. So seltsam es für manche klingen mag: mit Stift und Papier gelingt mir das Lernen leichter.

Untauglich

erweist sich die noch aus Schule und Ausbildung so geliebte Lernmethode: den Stoff zusammenfassen und schreiben, schreiben, schreiben.

Das war die bisher erfolgreichste Lernmethode für mich.

Das Lernen klappt damit auch immer noch sehr gut: ich verstehe Zusammenhänge so leichter, kann Argumentationen besser folgen und insgesamt den Stoff besser verinnerlichen.

Einzig: es hapert an der Zeit.

Diese Art des Lernens dauert einfach zu lange. Ich arbeite lange und ausführlich an diesen schriftlichen Zusammenfassungen. Doch wenn ich in diesem Tempo weiter durch den Stoff gehe, kann ich die Klausur in 1,5 Jahren schreiben – und nicht in 10 Wochen…

Ich werde etwas anderes finden müssen, das ähnlich gut, aber deutlich schneller ist.

Vorschläge, anyone?